02 octobre 2008

Was reif in diesen Zeilen steht, was lächelnd winkt und sinnend fleht, das soll kein Kind betrüben; die Einfalt hat es ausgesät, die Schwermut hat ...

...hindurchgeweht, die Sehnsucht hat's getrieben.


Selbstporträt mit Skelett, Lovis Corinth, 1896.

Die Wahrheit und die Kunst

Um zu verstehen, wie es möglich ist, daß in der Kunst Wahrheit geschieht und schöpferisch Neues hervorgebracht wird, muß die Kunst als sie selbst verstanden werden. Zu ihrem Verständnis dürfen also keine metaphysischen Erklärungen herangezogen werden, die selbst schon eine bestimmte Sicht auf die Welt und das Sein festschreiben. So sah Heidegger in der traditionellen Ästhetik eine „metaphysische Kunstlehre“, da sie einerseits mit Begriffen wie Sinnbild, Allegorie, Metapher, Gleichnis, die platonische Trennung von Sinnlich-Materiellem und Geistigem reproduziere, andererseits alle Kunstwerke als Objekte für ein Subjekt auffasste. Entsprechend der programmatischen Ablehnung der Metaphysik, strebte Heidegger auch eine „Überwindung der Ästhetik“ an. Heidegger hat einen ersten und vorläufig gebliebenen Entwurf zu diesem Programm in einem 1935 gehaltenen Vortrag mit dem Titel „Der Ursprung des Kunstwerkes“ vorgestellt.
Im Mittelpunkt des Heideggerschen Interesses am „Rätsel“ der Kunst stand dabei nicht mehr das Ideal der Ästhetik des Klassizismus, die Schönheit, sondern das Verhältnis von Kunst und Wahrheit. Kunst dient bei Heidegger nicht mehr dem Gefallen eines Betrachters, sondern durch sie findet ein Wahrheitsvollzug statt. Anders als der technische Zugang zur Welt, der durch ein pragmatisches und an Nutzen orientiertes Vorgehen gekennzeichnet ist, lässt sich das Kunstwerk nicht durch diese Kategorien erfassen. Da es nicht zu einem bestimmten Zweck angefertigt wurde, nimmt es in der Welt eine Sonderstellung ein: Es kann nicht ‚gebraucht‘ werden und daher auch nicht im Gebrauch ‚verschwinden‘. Statt dessen zeigt sich an ihm die Welt als Bedeutungsganzheit innerhalb derer auch erst die Gebrauchsgegenstände ihren Platz haben. Dieses Aufleuchten der Welt als Ganzes kann das menschliche Verhältnis zur Welt ins Bewusstsein heben und ermöglicht so einen anderen Bezug zu ihr. Hierin liegt die geschichtsgründende Macht der Kunst.

Hölderlin als „Geschick“

In der Dichtung erkannte Heidegger eine für die Verwindung der Metaphysik geeignete Sprachlichkeit, da sie einen Welt- und Selbstbezug in nicht-propositionaler Form bietet. (Siehe hierzu auch die Erläuterungen zur Sprache.) Damit vermeidet Dichtung tendenziell die Aufspaltung in ein Subjekt, das sich mit seinen Aussagen auf ein Objekt bezieht. In der Dichtung Friedrich Hölderlins entdeckte Heidegger einen entscheidenden Bezug zur Seinsgeschichte und maß an ihr die dem modernen Menschen diagnostizierte Heimatlosigkeit sowie das Undichterische seines gegenwärtigen Weltaufenthalts. Auch Heideggers Konstellation des Spätwerks, das „Geviert“ von Erde, Himmel, Sterblichen und Göttlichen, darf als stark durch Hölderlin inspiriert angesehen werden. Heidegger trat mit Hölderlin in eine exzessive Zwiesprache von Dichten und Denken, die weit jenseits von literaturwissenschaftlichen Zugängen liegt. So kommt es, dass Heideggers Hölderlin-Interpretation selbst wieder der Interpretation bedarf.


Heideggers Rekapitulation der Philosophiegeschichte und ihrer Deutung als Seinsgeschichte fasste den Beginn der Philosophie als Verfehlung auf. Philosophie beginnt mit der Metaphysik, also mit dem Vergessen dessen, worum es ihr eigentlich geht: des Seins. „Indes befällt die Vergessenheit als anscheinend von ihm Getrenntes nicht nur das Wesen des Seins. Sie gehört zur Sache des Seins selbst, waltet als Geschick seines Wesens.“ Dabei verwendete Heidegger den Begriff des Wesens auch um eine prozessuale Komponente anzuzeigen. Es gehört nun außerdem zum Wesen des Seins, dass es verfehlt wird. Beides zusammengenommen bezeichnete Heidegger als „Geschick“. In seiner Anlehnung an „Schicksal“ beinhaltet der Begriff zugleich, dass der Mensch in diesen geschichtlichen Prozess unabdingbar verwoben ist. Nach Heidegger ist Hölderlin der erste, der die Seinsverlassenheit als geschichtliches Phänomen zur Sprache bringt. Die Seinsverlassenheit fasst Hölderlin, so Heidegger, als die „Götternacht“, die Abwesenheit der Götter.


In Heideggers zweitem Hauptwerk, den „Beiträgen zur Philosophie“ tritt Hölderlin daher als „das erste Dass der Seynsgeschichte im Übergang von Metaphysik in das Erdenken des Seyns“ (zur Schreibweise „Seyn“ siehe den nächsten Abschnitt) auf. Hölderlin ist somit der erste, der erkennt dass Seinsgeschichte ist. Ihm kommt die geschichtliche Rolle zu, nach der Abkehr von der Metaphysik der erste zu sein, der „Nähe und Ferne der gewesenen und künftigen Götter zur Entscheidung gestellt“ hat. Hölderlin selbst sah die Aufgabe des Dichters „in dürftiger Zeit“ darin, die von ihm erwartete Ankunft des zukünftigen Gottes in Gestalt von Dionysos-Christus vorzubereiten. Für Hölderlin haben die Menschen zwar großes wissenschaftliches Wissen erworben („die Vielwissenden“), jedoch darüber die Fähigkeit verloren, die Dinge, die Natur und die menschlichen Beziehungen in ihrer Vielheit und Lebendigkeit wahrzunehmen. Das Göttliche ist bei ihm kein Jenseitiges, sondern es äußert sich in einer gewandelten Beziehung zwischen den Menschen und im Umgang der Menschen mit der Natur. Es ist eine Lebensauffassung, in deren Zentrum der Jubel über das In-der-Welt-Sein steht. Heidegger sah sich dabei als der Denker, der als erster Hölderlins Dichtung „hören“ kann.
Dabei war es Heideggers Anliegen, 'uns' Hölderlin näher zu bringen, da seine Dichtung 'uns' „schicksalhaft angeht.“ Um dies herauszuheben, wollte Heidegger Hölderlin von jeglicher literaturwissenschaftlichen, politischen, philosophischen und ästhetischen Betrachtung entkoppeln, um einzig in der von seinen Gesängen eröffneten Wahrheit zum Stehen zu kommen. Erst wenn die Sterblichen wieder in den An- und Zuspruchsbereich des Göttlichen kommen, lässt sie dies wieder „heimisch“ werden. Inwieweit dies geschieht, ist dabei nicht ausgemacht: „Ob wir es einmal noch erkennen? Hölderlins Dichtung ist für uns ein Schicksal. Es wartet darauf, dass die Sterblichen ihm entsprechen. Was sagt Hölderlins Dichtung? Ihr Wort ist: das Heilige. Dies Wort sagt von der Flucht der Götter.“

Dabei dachte Heidegger das Göttliche nicht scholastisch in Form eines Schöpfergottes, der die Erde geschaffen hat. Damit wäre Gott wieder „Ursache des Seienden“ und das Sein zum ens creatum (Geschaffenem) degradiert. Eine solche traditionelle Vorstellung impliziert ein Kausalitätsprinzip zwischen Gott und dem Geschaffenen und reproduziert somit ein Denken, das auf Letztbegründungen aus ist. Dementgegen wollte Heidegger den Gott nicht als Entstehungs- und Erklärungsgrund denken, sondern von allen genealogischen und kausalen Denkzwängen befreien.

Das Göttliche entsprach bei Heidegger eher einer Art Ordnungsprinzip, welches die Dinge sammelt und in einer geordneten Vielfalt hält. Es bringt ein neues Verhältnis der zwischenmenschlichen Beziehungen und bietet so einen Grund für das menschliche Miteinander. Ohne diesen „gründenden Grund“, steht der Mensch am „Abgrund“. Er sieht sich dem „Fehl Gottes“ (Hölderlin) ausgesetzt. Um den „gründenden Grund“ jedoch ohne die oben genannten metaphysischen Erklärungen zu denken, wählte Heidegger in „Der Satz vom Grund“ die Metapher von Gott als Lautenspieler. Hierzu zitierte er den Spruch von Angelus Silesius: „Ein Herze, das zu Grund Gott still ist, wie er will, / Wird gern von ihm berührt: es ist ein Lautenspiel.“ Gott ist also der Spieler und das Herz seine Laute. Ohne ihn bliebe das Herz ohne Musik. Dazu aber – „ein Herz das von Grund Gott still ist“ − muss das Herz richtig gestimmt sein, damit es auf Gott anspricht, anklingt.

Damit das Göttliche erscheinen kann, braucht es die Worte des Dichters. Bei dessen Gesängen kann es sich jedoch nicht um eine fixierende Präsentation des Göttlichen handeln. Sie fordern vielmehr auf zu einem Mitgehen und gemeinsamen Sehen. Dies schlägt sich auch im Sprachcharakter der Dichtung nieder: Das Sagen „erschweigt“ das sich Enthüllende und zugleich Verbergende.

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